Heinrich-Haus, Neuwied

Mit Schwung das Schreiben verbessert

Rita Müller entwickelt an der Christiane-Herzog-Schule ein innovatives Schreibprojekt für Kinder

Es hört sich ganz einfach und logisch an – und doch stecken rund fünf Jahre intensiver Arbeit dahinter: Ergotherapeutin Rita Müller hat ein Schreibprojekt entwickelt, das den Kindern der Christiane-Herzog-Schule des Heinrich-Hauses in Engers enorme Fortschritte ermöglicht. Innerhalb kürzester Zeit lernen Erstklässler, mit Stift und Papier umzugehen und sowohl die Feinmotorik als auch ihre Wahrnehmung massiv zu verbessern. Lehrerinnen und Lehrer, Eltern und Betreuer sind begeistert. Und das wichtigste: Die Jungen und Mädchen, die täglich in dem Projekt arbeiten, haben sichtlich Spaß.

 

„Schaut mal in den Stundenplan! Da steht jetzt das Symbol für unser Schreibprojekt. Was brauchen wir dafür?“, Angelika Moskopp, pädagogische Fachkraft in der Christiane-Herzog-Schule, muss nicht lange auf die Antwort warten: Marco, Annamarie, Sami, Rafael und Jenke holen Knete hervor, ziehen ihre Ordner aus dem Regal, legen einzelne Arbeitsblätter auf den Tisch und los geht’s. Komplizierte Schwungübungen in kleinen Reihen, große Muster an die Tafel zeichnen und das Nachbilden von geometrischen Formen mit Knete – alles Teile des ausgeklügelten Systems, das Rita Müller entworfen hat. 


„Ich habe in meinem Berufsalltag bemerkt, dass immer mehr Kinder Schwierigkeiten mit der Feinmotorik und der Wahrnehmung haben“, erklärt die Ergotherapeutin. Die Sinzigerin hat beobachtet, dass viele Kinder Unterstützung in diesem Bereich benötigen. Woran das liegt? An dem verstärkten Gebrauch von Tablet, Handy und Co? „Da kann man nur Mutmaßungen anstellen. Ich habe einfach festgestellt, dass es so ist und wollte Lösungen finden“, erklärt Müller. Und weil die altbewährten Methoden nicht immer leicht in den täglichen Schulalltag der Kinder zu integrieren sind, hat sich die 49-Jährige selbst darangemacht, ein systematisches Projekt zu entwickeln, das mittlerweile in jeder ersten Klasse der Christiane-Herzog-Schule eingesetzt wird und sich leicht in den Stundenplan einbauen lässt. Die besondere Herausforderung: an der Förderschule in Engers lernen Jungen und Mädchen mit verschiedensten Beeinträchtigungen. Grundschüler mit körperlichen Einschränkungen und Beeinträchtigungen im Lernen oder der geistigen Entwicklung sitzen hier gemeinsam in einer Klasse. Das Schreibprojekt von Rita Müller sieht vor, dass jedes Kind der ersten Klasse täglich rund zehn Minuten an bestimmten Übungsblättern oder mit der Knete arbeitet. Auf der Grundlage von regelmäßigen Überprüfungen durch die Lehrer und Therapeuten kann dann ein weiterer individueller Förderbedarf ermittelt werden. Oft zeigen die Kinder aber bereits kurz nach Einführung des Projektes erste Erfolge. 


„Es funktioniert!“, bestätigt Silke Krings-Reetz, Leiterin des Primarbereichs der Schule und Stufenleitung der ersten und zweiten Jahrgänge. Sie hat das Schreibprojekt schon im vergangenen Schuljahr in ihrer 1. Klasse getestet und jetzt erneut mit ihren Erstklässlern aufgenommen. „Die Fortschritte sind erstaunlich“, so die Lehrerin. Kinder, die zunächst kaum einen Stift halten konnten, zeigen nach wenigen Wochen deutliche Erfolge in der Hand- und Fingerhaltung, ein Mädchen, das Probleme mit der visuellen Wahrnehmung hatte, kann jetzt Ausmalbilder gestalten, und auch Lucas, der wegen seiner körperlichen Einschränkungen gar nicht auf Papier schreiben kann, präsentiert stolz seine Ergebnisse: er hat die Übungsblätter auf sein iPad übertragen und kann hier mit einem speziellen Stift die Linien nachzeichnen und eigene Kunstwerke entwerfen. „Das ist der Hammer! Wir sehen ganz konkret, welche Erfolge die Kinder in kurzer Zeit erzielen“, ist auch Stephanie Müller, pädagogische Fachkraft, begeistert. 


Und ein solches Konzept gab es noch nicht? „Nicht in dieser Form“, berichtet Rita Müller. „Das Besondere ist, dass wir mit diesem Schreibprojekt alle Kinder sowie die grundlegenden Fähigkeiten des Schreibens umfassend ansprechen können.“ Graphomotorik, Visumotorik, optische Differenzierung, Raum-Lage-Wahrnehmung und die so genannte Optische Serialität sind Bereiche, die durch das Training gefördert werden. Regelmäßige Überprüfungen durch die Ergotherapeutin stellen den individuellen Förderbedarf sicher. Hier kommt die interdisziplinäre Zusammenarbeit im Heinrich-Haus den Beteiligten zu Gute. Fragen oder Probleme können die Lehrer direkt mit den Therapeuten im Haus abstimmen und gemeinsam Lösungen entwerfen. „Dadurch, dass die Kinder täglich in dem Projekt arbeiten, sind natürlich auch viel größere Fortschritte möglich als bei den Kindern, die vielleicht nur einmal die Woche zur Ergotherapie in eine Praxis kommen“, so Rita Müller. 


Damit in Zukunft auch weitere Schulen von dem Schreibprojekt profitieren, will sie nun ein Buch schreiben. Mit fachlichem Hintergrundwissen, praktischen Anleitungen für Pädagogen und konkreten Übungen für Kinder. Bis es soweit ist, wird aber wohl noch ein bisschen Arbeit in die Veröffentlichung gesteckt werden. Marco, Annamarie, Sami, Rafael, Jenke und Lucas ist das egal: Sie machen schon heute gut gelaunt weiter mit ihren Übungen. Einfach weil es Spaß macht. 


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