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23.09.2026

Ein ganzes Leben im Heinrich-Haus

Ralf Arzheimer wohnt seit knapp 60 Jahren im Heinrich-Haus. Vom ersten E-Rollstuhl über gemeinsame Reisen bis zur heutigen Zeit hat er viel zu erzählen.

Mittwochs war der beste Tag der Woche: da ging es zusammen mit den Lehrlingen des Heinrich-Hauses in die Engerser Kneipe. Durch den Hintereingang, denn vorne war noch nichts barrierefrei. Ein Bier kostete 50 Pfennig, und bei 17 Mark Taschengeld im Monat konnte auch Ralf Arzheimer sich ab und zu ein kühles Getränk leisten. Lehrlinge und Leistungsnehmende wohnten gemeinsam in einem Gebäude. Und so ging es nach dem Bier auch wieder zusammen nach Hause.

Zwei Männer schauen gemeinsam in ein Fotoalbum

Ralf Arzheimer hat viel zu erzählen. Er kennt die Geschichte des Heinrich-Hauses seit den späten 60er Jahren wie kein anderer: denn er wohnt seit knapp 60 Jahren im Heinrich-Haus. Eine Zeitspanne, die viel über den Menschen Ralf Arzheimer, aber auch über die Entwicklung der Eingliederungshilfe erzählt.

Geboren 1952 in Koblenz als eins von 5 Kindern ist Ralf Arzheimer von Geburt an auf den Rollstuhl angewiesen. Seine Mutter setzt sich gemeinsam mit der befreundeten Ordensschwester Genoveva, die selbst im Rollstuhl sitzt, schon früh für ihr Kind ein. Einen drohenden Umzug nach Olpe kann sie abwenden und einen Platz im Heinrich-Haus für ihren Sohn erreichen. Am 1. Oktober 1967 zieht der 15-jährige Ralf Arzheimer in den Wohnbereich für behinderte Menschen in Engers ein. Zu seinen Geschwistern Detlef, Michael, Olaf und Ursula hält er den Kontakt, und heute kommen ihn Neffen, Nichten und eine Großnichte im Heinrich-Haus besuchen.

Mittlerweile gibt es das Haus, in das Ralf Arzheimer damals einzog, nicht mehr. „Der Wohnbereich bestand aus drei Etagen. Anfangs wohnte ich in einem Doppelzimmer bei den Jugendlichen im Erdgeschoss, später dann bei den Männern im zweiten Stock. Im dritten Stock lebten die Lehrlinge des Heinrich-Hauses. Außerdem gab es zwei große Säle, in denen je 5 Personen wohnten“, erinnert sich der 74-Jährige. Heute wohnt er im „Wohnen am Park A“ und hat ein eigenes Zimmer, das voll mit Fotos, Bildern und Erinnerungen geschmückt ist.

Nicht nur die Gebäude änderten sich, „im Laufe der Jahre sind auch einige Betreuer gekommen und gegangen.“ Unter anderem erinnert sich Ralf Arzheimer an eine Ferienfreizeit mit seinem Betreuer Martin Still, mit dem er 1999 fünf Tage im Saarland verbrachte. Heute sitzt sein Case Manager Heiko Schöw neben ihm und blättert gemeinsam mit ihm und Pflegefachkraft Anne Enders in alten Fotoalben.

An die 70er Jahre erinnert sich Ralf Arzheimer besonders gern: „Das war meine beste Zeit hier im Heinrich-Haus.“ Damals war er noch mobiler als heute und ist viel rumgekommen. „Einen neuen E-Rollstuhl mit Fußsteuerung habe ich 1974 bekommen. Damit konnte ich mich besser ohne fremde Hilfe fortbewegen.“ Fotos von Reisen nach Dänemark und St. Moritz berichten von schönen Urlauben, an denen viele Bewohner teilgenommen haben. „Meine Ferienfreizeiten waren reine Männergruppen, denn damals waren Männer und Frauen leider noch getrennt“, erinnert er sich.

Die Freizeiten waren ein absolutes Highlight im Kalender der Bewohnerinnen und Bewohner. Eine Tagesstruktur, wie sie heute üblich ist, gab es im Alltag nicht. Von 1967 bis 1981 wurde Ralf Arzheimer ausschließlich im Wohnheim beschäftigt und gefördert. „Eine der Ordensschwestern hat mir zum Beispiel Texte diktiert, die ich dann mit meiner elektrischen Schreibmaschine geschrieben habe.“

Erst 1981 begann für Ralf Arzheimer ein täglicher Arbeitsalltag. Bis 2011 war er für die Verteilung der Post im Heinrich-Haus in Engers zuständig. Außerdem hat er die Rhein-Zeitung an die Wohnbereiche verteilt und jeden Morgen die Kontoauszüge bei der Sparkasse abgeholt. „Heute bringt er auch gern noch für uns die Post weg“, erzählt Anne Enders.

So selbstständig wie zu seiner Zeit vor der Rente kann sich Ralf Arzheimer inzwischen nicht mehr bewegen. Dank treuer Freunde kann er aber weiterhin an Aktivitäten teilnehmen. Einer seiner langjährigen Freunde ist der Seelsorger und Pfarrer Paul Freialdenhoven. Er kommt immer mittwochs zu Besuch und holt Ralf Arzheimer jeden Sonntag für den Gottesdienst in der Kapelle ab. Auch mit Hilfe der Pflegekräfte und einer modernen Eingliederungshilfe lebt der 74-Jährige heute noch so eigenständig wie möglich – und erinnert sich gern an die „gute alte Zeit“, als das Bier noch 50 Pfennig kostete und er es mit den Lehrlingen krachen ließ.

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