Vielfalt wird häufig in Bezug auf Herkunft, Kultur oder Lebensweisen diskutiert. Warum sollte auch die Vielfalt von Kommunikationsformen stärker als Teil einer inklusiven Gesellschaft verstanden werden?
Vielfalt bedeutet für mich, dass jeder Mensch die Möglichkeit hat, sich einzubringen – unabhängig davon, wie er kommuniziert. Kommunikation ist weit mehr als gesprochene Sprache. Menschen kommunizieren mit Gebärden, Symbolen, Blickbewegungen, elektronischen Kommunikationshilfen oder anderen Formen der Unterstützten Kommunikation. All diese Wege sind gleichwertig. Trotzdem wird Kommunikation in unserer Gesellschaft häufig noch mit Lautsprache gleichgesetzt. Wer nicht mit dem Mund sprechen kann, wird oft unterschätzt oder gar übergangen. Das hat weitreichende Folgen, denn Kommunikation ist die Grundlage dafür, den eigenen Willen auszudrücken, Entscheidungen zu treffen, Beziehungen zu gestalten und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.
Für mich ist das nicht nur eine wissenschaftliche Fragestellung, sondern auch persönliche Erfahrung. Ich selbst kommuniziere mit einem augengesteuerten Sprachcomputer. Deshalb weiß ich, wie entscheidend es ist, dass Menschen nicht danach beurteilt werden, wie sie kommunizieren, sondern danach, was sie zu sagen haben. Eine inklusive Gesellschaft erkennt die Vielfalt der Kommunikation selbstverständlich an und schafft Bedingungen, unter denen jede Stimme gehört werden kann.
2. Welche Chancen ergeben sich für unsere Gesellschaft, wenn wir Kommunikation nicht nur über gesprochene Sprache definieren, sondern unterschiedliche Kommunikationswege – wie Unterstützte Kommunikation, Gebärden oder digitale Hilfsmittel – als gleichwertig anerkennen?
Wenn wir Kommunikation breiter denken, profitieren letztlich alle. Menschen, die bisher kaum beteiligt wurden, können ihre Erfahrungen, Ideen und Perspektiven einbringen. Das macht Entscheidungen besser und unsere Gesellschaft vielfältiger. Außerdem verändert sich der Blick auf Behinderung. Statt zu fragen, was ein Mensch nicht kann, fragen wir, welche Bedingungen geschaffen werden müssen, damit Kommunikation gelingt. Dieser Perspektivwechsel ist entscheidend. Kommunikation entsteht nicht allein durch individuelle Fähigkeiten, sondern immer im Zusammenspiel mit der Umwelt. Unterstützte Kommunikation ist deshalb kein technisches Hilfsmittel allein. Sie eröffnet Möglichkeiten zur Selbstbestimmung, zur Mitgestaltung und zur gesellschaftlichen Teilhabe. Je selbstverständlicher wir unterschiedliche Kommunikationsformen anerkennen, desto inklusiver wird unsere Gesellschaft.
3. Was verstehen Sie unter „kommunikativer Teilhabe“ und warum geht sie weit über das reine Sprechen hinaus?
Kommunikative Teilhabe bedeutet für mich, den eigenen Willen, Wünsche, Bedürfnisse, Ideen und Entscheidungen in allen wichtigen Lebensbereichen wirksam einbringen zu können. Es geht also nicht darum, ob jemand verbal sprechen kann, sondern darum, ob Kommunikation tatsächlich gelingt.
In meiner Dissertation konnte ich zeigen, dass kommunikative Teilhabe nicht allein von den Fähigkeiten einer Person abhängt. Ebenso wichtig sind passende Kommunikationssysteme, kompetente Kommunikationspartnerinnen und -partner sowie unterstützende gesellschaftliche Rahmenbedingungen. Erst das Zusammenspiel all dieser Faktoren ermöglicht Selbstbestimmung. Kommunikative Teilhabe bedeutet deshalb, gehört zu werden, Einfluss nehmen zu können und das eigene Leben aktiv mitzugestalten. Genau darin liegt ihr eigentlicher Wert.
4. Können Sie Beispiele nennen, wie kommunikative Teilhabe den Alltag von Menschen mit Unterstützungsbedarf konkret verändert?
Kommunikative Teilhabe beginnt bei kleinen Alltagsentscheidungen. Möchte ich heute Kaffee oder Tee trinken? Welche Kleidung möchte ich anziehen? Welche Musik möchte ich hören? Sie reicht aber weit darüber hinaus. Menschen müssen Entscheidungen über ihre Wohnform, ihre Arbeit, ihre Freizeit, ihre Beziehungen oder medizinische Behandlungen treffen können. Wer seine Meinung äußern kann und ernst genommen wird, übernimmt Verantwortung für das eigene Leben. Ich sage häufig: Kommunikative Teilhabe bedeutet nicht nur, irgendwo anwesend zu sein. Teilhabe bedeutet, mitreden, mitentscheiden und mitgestalten zu können. Genau das verändert den Alltag unterstützt kommunizierender Menschen grundlegend.
5. Sie promovieren zum Thema kommunikative Teilhabe unterstützt kommunizierender Erwachsener. Welche Erkenntnisse haben Sie bislang besonders überrascht?
Mich hat vor allem überrascht, wie stark Unterstützte Kommunikation bis heute defizitorientiert betrachtet wird. Viele diagnostische Verfahren konzentrieren sich darauf, welche kommunikativen Fähigkeiten Menschen besitzen oder welche ihnen fehlen. Meine Forschung zeigt jedoch, dass kommunikative Teilhabe vor allem von den Rahmenbedingungen abhängt. Gute Kommunikationshilfen allein reichen nicht aus. Ebenso wichtig sind Menschen, die zuhören, Zeit geben, Kommunikation ermöglichen und unterstützt kommunizierenden Menschen zutrauen, Entscheidungen selbst zu treffen.
Deshalb habe ich im Rahmen meiner Dissertation das theoretische Modell der kommunikativen Teilhabe sowie das ICF-orientierte Diagnostik-Instrument Profil Kommunikativer Teilhabe (PKT) entwickelt. Es stellt nicht Defizite, sondern die Perspektive unterstützt kommunizierender Menschen in den Mittelpunkt und fragt danach, welche Bedingungen ihre Teilhabe ermöglichen.
Eine Erkenntnis hat mich dabei auch persönlich bewegt. Ich bin heute Wissenschaftlerin, weil Menschen mir kommunikative Teilhabe ermöglicht haben – lange bevor ich dieses Thema wissenschaftlich untersucht habe. Menschen haben an mich geglaubt, mir Zeit gegeben und Wege gefunden, mit mir zu kommunizieren. Diese Erfahrung hat mich geprägt und ist letztlich auch der Grund, warum ich heute zu diesem Thema forsche.
6. Welche Verantwortung tragen Einrichtungen, Leistungsträger und Politik, um kommunikative Teilhabe zu ermöglichen?
Kommunikative Teilhabe darf niemals vom Zufall oder vom Engagement einzelner Menschen abhängen. Sie muss strukturell abgesichert werden. Einrichtungen brauchen ausreichend qualifizierte Fachkräfte, Zeit für Kommunikation und Unterstützte Kommunikation als selbstverständlichen Bestandteil ihres Alltags. Leistungsträger müssen Kommunikationshilfen und die notwendige fachliche Begleitung verlässlich finanzieren. Politik wiederum trägt die Verantwortung, die Vorgaben der UN-Behindertenrechtskonvention konsequent umzusetzen.
Mir ist dabei ein Satz besonders wichtig: Unterstützte Kommunikation ist kein Luxus und kein freiwilliges Zusatzangebot. Sie ist ein Menschenrecht. Wer Kommunikation ermöglicht, ermöglicht Selbstbestimmung, gesellschaftliche Teilhabe und demokratische Mitbestimmung.
7. Wie stellen Sie sich eine Gesellschaft vor, in der kommunikative Teilhabe für alle Menschen selbstverständlich ist?
Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der niemand aufgrund seiner Kommunikationsform unterschätzt oder ausgeschlossen wird. Eine Gesellschaft, in der wir nicht zuerst fragen: „Kann diese Person sprechen?“, sondern: „Wie können wir miteinander kommunizieren?“ Eine Gesellschaft, in der Kommunikation nicht an Lautsprache gemessen wird, sondern daran, ob Menschen gehört werden und ihre Meinung wirksam einbringen können. Ich wünsche mir außerdem, dass unterstützt kommunizierende Kinder und Erwachsene selbstverständlich die Unterstützung erhalten, die sie benötigen – in der Schule, am Arbeitsplatz, in der Freizeit, im Gesundheitswesen und in der Politik.
Meine eigene Geschichte zeigt, was möglich ist, wenn Menschen Vertrauen schenken und Barrieren abbauen. Ohne Unterstützte Kommunikation, ohne engagierte Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter und ohne Menschen, die mir etwas zugetraut haben, wäre ich heute weder Wissenschaftlerin noch politisch aktiv. Deshalb bin ich überzeugt: Kommunikative Teilhabe verändert nicht nur einzelne Lebenswege. Sie verändert unsere Gesellschaft insgesamt. Denn jeder Mensch hat etwas zu sagen. Die entscheidende Frage ist nicht, ob jemand kommunizieren kann – sondern ob wir bereit sind zuzuhören.